gorilaura

Back in Japan

im Ausland leben 25. Mai 2012

Filed under: Land und Leute,Uni und Alltag — loerchen @ 1:42 am

Achja, ich weiß auch nicht, warum ich diese Woche so schreibfreudig bin. Irgendwie geht mir viel im Kopf rum und es ist ja auch nichts Schlechtes nach langer Zeit nochmal längere deutsche Texte zu schreiben.

Gestern war ein recht -wie soll ich sagen- nerviger Tag… Es wird von Tag zu Tag wärmer und teilweise auch drückender, was bedeutet, dass man sich in den vollen Zügen schon recht zusammenreißen muss. Dann haben wir in der Uni geschlagen zwei Stunden über das Ie-System geredet. Für alle, die nicht wissen, was das ist, bitteschön: http://en.wikipedia.org/wiki/Ie_%28Japanese_family_system%29

Ich für meinen Teil bin mit dem System der Familie schon so oft während meines Studiums genervt worden, dass es mir egal ist, auf welcher Sprache man darüber spricht- ich möchte es einfach nicht mehr hören! Da aber meine Kommilitonen nicht alle einen japanologischen Hintergrund haben, mussten wir das ganze gestern nochmal dermaßen auseinandernehmen, dass mich die Langeweile während Hitze und Schwüle fast umgebracht hat. Daraufhin bin ich dann nach der Uni direkt nach Ikebukuro gefahren, um in einen der größen Buchläden Japans zu gehen: Junkudo. Ich habe auch recht erfolgreich ein Buch ergattern können und bin dann anschließend nach hause gelaufen, was ein Fußmarsch von ungefähr 15min ist.

Nun, auf diesem Fußmarsch ist mir so einiges durch den Kopf gegangen. Und zwar: was macht das Leben im Ausland so anders und warum kann man sich an fast alles gewöhnen, wenn man erstmal eine Zeit da ist.

Eine der größten Herausforderungen, wenn man ins Ausland geht, ist das Abschiednehmen. Natürlich ist es schwer, sich von Familie und Freunden auf bestimmte Zeit zu trennen und jenachdem wie die Umstände sind, weiß man auch nicht, wann man sie wieder sieht. Aber davon abgesehen vergisst man viel zu oft, von seiner Umgebung, den Gerüchen und Geräuschen in dieser, seinen Angewohnheiten und Tagesabläufen Abschied zu nehmen, was dann spätestens nach einem Monat, in dem man im Ausland ist, und die erste Orientierung, Faszination und Eingewöhnungsphase abgeklungen ist, schon hart aufstoßen kann. Manchmal ist es einem garnicht so bewusst, wie sehr Dinge das eigene Gemüt beeinflussen. Natürlich habe ich gemerkt, dass ich gerne mit Rike auf der Couch im Cafe Blau sitzen und Milchkaffee trinken möchte, weil das Gefühl, eine Person und die gemeinsamen Bräuche mit dieser zu vermissen, einfach viel leichter zu fassen ist. Aber erst wenn ich richtig darüber nachdenke, was mir fehlt, komme ich darauf, dass ich es beruhigend finde, am Sonntag die Kirchenglocken in der Nähe läuten zu hören und mir die ganze Atmosphäre von deutschen Sonntagen, in denen die Geschäfte zu sind, Leute im Sommer in Biergärten sitzen und man höchstens mal ein paar schreiende Kinder in der Nachbarschaft hört, mir ein Gefühl von Ruhe gibt, so dass ich nach einer anstrengenden Woche abschalten kann. Solche Dinge, wie die Geräusche oder Düfte in der eigenen Umgebung, beeinflussen mehr als man denkt und meistens bemerkt man meiner Erfahrung nach eher die Andersheit um einen herum, als dass man sich wirklich bewusst wird, dass einem der Duft von frisch gemähten Gras vom Hofgarten oder einfach der Klang seiner Muttersprache um einen herum fehlt. Besonders letzteres fählt mir immer erst auf, wenn ich nach langer Zeit nach Würselen, wo ich aufgewachsen bin, zurückfahre und die ganzen Omis um mich herum Aachener Platt sprechen 😀 Das soll heißen, dass bei dieser Art von erinnern Zeit und Entfernung eine entscheidene Rolle spielen und man sich selbst darauf stoßen muss, um zu verstehen, warum man sich in der momentanen Situation irgendwie unwohl fühlt.

Jetzt ist es aber in meinem Fall so, dass ich bereits 8Monate wieder in Tokyo lebe, mir die Dinge nicht mehr fremd sind und ich hier wieder eigene Gewohnheiten und Bräuche entwickelt habe, sowie die kleinen Dinge um mich herum zu schätzen gelernt habe, bzw ich es seltsam finden würde, wenn die nicht mehr da wären. Das Rausrollen von meinem Futon gehört genauso dazu, wie der Duft von Zitronen und viel Gemüse, das meine Mitbewohnerin morgens immer in den Mixer wirft, so dass ich fünf Minuten später in einer gesund und frisch riechenden Küche meinen Kaffee aufgieße 🙂 Ich finde es nicht mehr undangenehm oder lärmend, wenn jede Bahnstation und jeder Zug mehrfach mit dir spricht, die Bahnübergänge von einem lauten „gang gang gan“ begleitet werden, jedes größere Auto laut auf Japanisch ankündigt, dass es um die Ecke biegt und die Menschen (insbesondere die Männer) immer lauthals die Nase hochziehen. Ich mag den Duft, der aus dem Reiskocher kommt, kurz bevor der Reis fertig ist, oder die ganzen Gerüche der Speisen, die meine Mitbewohner aus verschiedenen Ländern zubereiten. Ich weiß, welchen Yoghurt ich wo kaufe, welche Wege ich gehe, mag die Dinge, die ich auf den Wegen sehe, freue mich auf einen Kaffee in meinem Lieblingskaffee am Sonntag, wenn es regnet, weil dann der Baum, der durch das Cafe geht, so schön knarrt. Und vor allem mag ich es unheimlich Japanisch zu hören und zu sprechen und ich mag die Gesten wie Verbeugungen, die man bei Unterhaltungen macht.

Diese Dinge sind mir alle aufgefallen, weil sie fremd waren, weil ich mir neue Gewohnheiten aneignen musste und jetzt, wo es nur noch etwas mehr als zwei Monate sind, in denen ich hier bin, denke ich darüber nach, sie zu verlieren, von den liebgewonnenen oder einfach gewohnten Dingen Abschied zu nehmen. Und da ich diese Erfahrung schon einmal gemacht habe, weiß ich, wie viel härter es noch wird, wenn ich dann tatsächlich wieder in Deutschland bin.

Ist das nicht seltsam? Die Erinnerung an alles, was über Jahre zum eigenen Leben dazu gehört hat, verblasst nach kurzer Zeit. Es bleibt ein Gefühl, dass irgendwie etwas fehlt, aber irgendwie wird selbst dieses Gefühl oft durch den neuen Alltag verdrängt. Und, viele Menschen machen den Fehler nach einem Auslandsaufenthalt, nicht wieder Platz zu schaffen, für die Dinge und Bräuche, die man mag in seiner Heimat. Die Trauer die man beim Abschied von der Heimat irgendwie nicht hatte, wird ersetzt von einer viel größeren Trauer, die man empfindet nachdem man nur eine kurze Zeit irgendwo verbringen konnte. Natürlich weiß ich, dass das auch daher kommt, dass man denkt, nie wieder an den Ort un in die Situation zurück zu können, während man sich in Bezug auf seine Heimat sicher fühlt. ABER, auch die Heimat verändert sich, weil man sich selbst verändert. Ich selbst bringe neue Gefühle, Ansichten und Bräuche mit und in mir kann ich vieles vereinen, selbst wenn ich nicht mehr die lärmenden Bahnen sondern lauthals Asi-Deutsch sprechende Jugendliche auf einer täglichen Basis um mich habe.

Und nun zu dem, worauf ich stolz bin. Vor drei Jahren habe ich die letzten Monate oft trauernd verbracht, weil ich nicht aus Japan weg wollte. Doch als ich dann durch Bonn gegangen bin und den Sternenhimmel gesehen habe, der nicht von Hochhäusern halb verdeckt wurde, meine Schuhe mit Staub vom Feld zwischen Würselen und Broich-Weiden bdeckt war, ich die Treppe im Haus meiner Oma hochgegangen bin, wo es diesen ganz speziellen Geruch gibt, und das alles mit den Haaren zu nem Dutt gedreht, wie es die Japanerinnen machen, mit japanischer Musik auf meinen Ohren und lauter Fotos in meinem zu hause von diesem großartigen Jahr, da war es doch gut wieder zu hause zu sein, auch wenn ich mich damals gegen dieses Gefühl mit Tränen, Geschrei und schlechter Laune gewehrt habe. Und diesmal lass ich es direkt zu, mich wieder wohl zu hause zu fühlen. Momentan denk ich zwar noch nicht viel an zu hause. Ich versuche vor allem die etwas beängstigenden Sachen wie Uni-Abschluss, Hausarbeiten, etc noch etwas beiseite zu schieben. Im Gegenzug dazu lausche ich den Gesprächen bzw den japanischen Wörtern der Menschen um mich herum und genieße meinen Alltag hier. Aber wenn ich dann wieder da bin, esse ich wieder aus leibeslust Schwarzbrot anstatt Reis zum Frühstück, fahre Bus mit meinem fantastischen günstigen Uni-Ticket und treffe mich mit meinen Freunden, die meine tolle Muttersprache sprechen, denn so schön es ist eine andere Sprache einigermaßen zu beherrschen, es gibt nichts darüber, eine Muttersprache zu haben, dessen Worte für einen hundertprozentig mit dem Gefühl verbunden sind, das man ausdrücken möchte.

Ja, Deutschland wird auch wieder schön. Und die letzten zwei Monate hier auch.

In diesem Sinne bis zum nächsten Eintrag wieder über Reisen *lol*

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2 Responses to “im Ausland leben”

  1. Sarah Says:

    Ein wundervoller Blog-Eintrag! Da ging mir echt das ein oder andere Licht beim Lesen auf.. Danke! 🙂


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